Begründung der Jury zu der Verleihung des Gottfried Brockmann Preises 2015

Die junge Kieler Künstlerin Constanze Vogt bewegt sich mit ihren Arbeiten zwischen den unterschiedlichen Medien. Ihre Bilder, Installationen, Objekte und Texte zeichnen sich durch eine reduzierte Materialwahl aus. Ephemere Materialien wie Papier, Sprache und Licht nutzt und bearbeitet Constanze Vogt für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema der Zwischenräume. Der extensive und nahezu rituale Arbeitsprozess, mit dem sie das Material transformiert, ist in ihren Arbeiten deutlich sichtbar und erweitert die Objekte um einen performativen Charakter. Auf den ersten Blick äußerst selbstreferentiell, wirken sie wie eine Suche nach einer eigenen Sprache, die das Verhältnis von Text, Bild, Objekt und Körper in ein poetisches Licht rückt und austariert.
Die besondere Kraft und Stärke der Arbeiten von Constanze Vogt liegt in genau dieser poetischen und stillen Sprache, mit der sie Phänomene des Übergangs und der Transformation visualisiert. Mit beständiger und ausdauernder Intensität bewegt sie sich exakt und genau an der Grenze von Sichtbarkeit und dem Unsichtbaren, wodurch ihre Arbeiten als bewusster und anachronistischer Kommentar zu einer immer lauter werdenden populären Bilderkultur zu sehen sind.

Ein mögliches Gespräch mit Constanze Vogt

Was passiert, wenn ich das Nah von dem t trenne? fragst du in deinem Künstlerbuch. Du benähst Fotopapier mit Garn, formst aus Kleiderbügeln satzartige Zeichen, webst einen Teppich aus Heftstreifen, zerstanzt ein Papier, so dass es sich in eine Gardine verwandelt. Deinen Arbeiten gemeinsam ist die Reduktion: Du beschränkst dich auf wenige Materialien, formst daraus Unbekanntes.

Ich habe irgendwann angefangen, mich für Anagramme zu interessieren. Habe die Buchstaben in den Wörtern umgestellt, so dass sie neue Bedeutungen erzeugten. Mir ist aufgefallen, dass ich so auch in meinen Zeichnungen arbeite. Ich habe einen Grundstock an Formen und die kombiniere ich immer wieder neu. Eigentlich braucht es gar nicht viel. Das können schon drei, vier Teile sein. Gerade diese Begrenzung birgt eine Vielzahl von Möglichkeiten.

Dieses Verbinden unzähliger Heftstreifen, das monotone Stanzen Zeile für Zeile, das Benähen des Papiers, immer und immer wieder, hat einen ganz eigenen Rhythmus: Welche Rolle spielt dieser konzentrierte Prozess?

Es hat etwas performatives, wenn ich mich an die Nähmaschine setzte und stundenlang nähe, bis sich das Material verwandelt hat. Das ist auch bei den Gedichtzeichnungen so, für die ich fast drei Jahre gebraucht habe. Der Prozess spricht in der Arbeit mit. Es ist wie eine unsichtbare Performance.

So entsteht mit den benähten Papieren etwas völlig neues, angesichts dessen man ins Staunen gerät, wofür man keine Worte hat. Als hätte sich ein Zwischenzustand materialisiert. Vielleicht das, was man aus den Zwischenräumen eines Lattenzauns bauen kann. Es ist etwas Materielles, aber es kann ja eigentlich gar nicht sein: du hast es ja zerstört. Wie kann da trotzdem etwas sein? Woher kommt es?

Ja, es ist die Zerstörung mit der ich arbeite. Die Zerstörung, auf die ich wieder irgend etwas baue. Zwischen: es ist noch da und es ist eigentlich schon weg. Wenn ich lange genug eine Naht über die Andere setze, hält sich die Naht irgendwann nur noch in sich selber fest und man kann ahnen, dass darunter eigentlich nur noch Staub ist.

Du sprichst von Verwandlung und Übersetzung: Was bedeutet dir dieser Transformationsprozess ?

Eigentlich arbeite ich ja mit ganz vielen Verwandlungen. Für mich ist die Verwandlung ein wesentlicher Teil einer gelungenen Übersetzung, in der Vorbild und Abbild ineinader übergehen und gleichzeitig erfahrbar werden. Also versuche ich, Gedichte in Zeichnungen zu übersetzten, oder ich versuche eben dieses Papier zu benähen, bis es Stoff wird. So könnte selbst das Benähen des Papiers als Übersetzungsprozess betrachtet werden. Mich interessiert der Zustand, in dem sich beides gleichzeitig äußert, wenn sozusagen das Papier den Stoff und der Stoff das Papier verwandelt.

Dabei kann etwas enstehen, was sich am Rand von wieder etwas Neuem bewegt und den Mittelpunkt für wieder nächste Arbeiten bildet: Für ein Künstlerbuch, für einen Vortrag. Was passiert bei dir zwischen Text und Bild?

Eigentlich kann jede Arbeit als eine Art Zwischenschritt gesehen werden. Ich habe den Eindruck, permanent an einer Übersetzung der gleichen Sache zu arbeiten. Immer wieder geht es um die Frage: wie lassen sich die Dinge verbinden? Im Kleinen mit einem Anagramm oder, etwas größer, zwischen einem Anagramm und einer Zeichnung. Vor einer Weile habe ich begonnen, Texte über meine Arbeiten zu schreiben. Diese Texte können in einem Künstlerbuch Platz finden, oder in einem poetischen Vortrag über meine Arbeiten. Vielleicht sind sie die Übersetzungen der Übersetzungen. Die Arbeit findet dabei kein Ende. Ich hoffe, damit eine Offenheit erzeugen zu können, die auf verschiedenen Ebenen erfahrbar wird: einer gedanklichen, einer sichtbaren, einer spürbaren Ebene.
(Aufgezeichnet von Stefanie Hillmer, 2013)

Ausstellungstext _anderes–gleiches_ungleiches– Kunstverein Haus 8, Kiel, 2015

Die Objekte von Constanze Vogt sind Materialtransformationen. Ihr künstlerisches Verfahren ist medienreflexiv. Sie verwandelt Papier mit einer Nähmaschine in etwas Stoffgleiches. Webt einen Teppich aus Heftstreifen. Überträgt das Schnittmuster einer Jacke in körpergroße Linoldrucke.
In konzentrierten, zeitlich extensiven und monotonen Arbeitsprozessen werden Übergangsphänomene sichtbar, die die Künstlerin selbst mit Übersetzungen vergleicht. So zerstanzt sie meterweise Papier, bis es sich in ein gardinenhaftes Objekt verwandelt. Von beiden Seiten sichtbar, kann es umschritten werden wie etwas Skulpturales, das Licht einfängt. Als verdichtete Setzung im Raum erzeugt es einen Hauch von Körperlichkeit, der sich in der Durchsicht sogleich wieder transformiert. Bis an die Grenze des Unsichtbaren. 
Zeitlich parallel dazu entsteht im Atelier der Künstlerin eine Art künstlerisches Protokoll. Darin versucht Constanze Vogt Möglichkeiten poetischer Verfahren zwischen Text und Bild auszuloten. Hier werden Denkprozesse festgehalten, die sich entlang den materialen und medialen Verwandlungen entfalten, verdichten, auflösen und transformieren.
(Verena Voigt, 2015)

O.T. (Leben ohne Poesie), Muthesius Preis Ausstellung, Kunsthalle Kiel 2012

„jedes Wort/ist ein Reizwort“ heißt es in dem Gedicht, Die Reizwörter. Es ist neben anderen lyrischen Werken von Peter Handke in dem Band, Leben ohne Poesie, veröffentlicht. Constanze Vogt hat in ihrem 227 einzelne Blätter umfassenden Werk mit diesem Gedichtband gearbeitet. Die zitierten Zeilen von Peter Handke lassen sich fast programmatisch auf Vogts Werk übertragen. Denn die Künstlerin scheint durchaus gereizt von den Wortspielen und Spracharchitekturen, die Handke entwirft und folgt der Spur seiner Gedichte, ihren typographischen Formationen, Zeilenumbrüchen und der schriftlichen Gestalt. Sie dehnt, erprobt, arbeitet in Analogie zu Handkes Ansatz, um die Gedichte in die Unkenntlichkeit eines künstlerischen Systems zu übersetzen: Handke untersucht Sprache und Sinngebung, grammatikalische Bausteine und phonetische Möglichkeiten. Constanze Vogt nennt ihr zeichnerisches Werk „Leben ohne Poesie“ eine Übersetzung des Gedichtbandes. Und es stellt sich die Frage, was sie übersetzt: sprachliche Bilder in zeichnerische? Sprachstrukturen in eine Art beherrschter écriture automatique, die ausschließlich ästhetisch gelesen werden kann? Vogt verbindet über Zeilen hinweg gleiche Buchstaben miteinander und lässt sozusagen ein Diagramm des suchenden Auges entstehen. Das große, streng gehängte Tableau aus den einzeln gerahmten Blättern mutet beeindruckend frei ebenso wie fast bedrückend gezügelt an und zeugt von einer inneren Logik und Kraft, die auch auf die Sprachexperimente Handkes verweisen, von denen sie ausgegangen waren.
(Anette Hüsch)